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LITERATURWISSENSCHAFT
"Zitat ist was zitiert wird"
zitiert Sibylle Benninghoff-Lühl am Anfang ihrer Untersuchung, die sich mit
einer so schmalen, tautologischen Erklärung nicht zufrieden geben will.
Ihr Buch setzt da ein, wo das Zitat in
Anleitungen zum wissenschaftlichen Arbeiten wie selbstredend auftaucht. Ausgestattet
mit einem außergewöhnlichen Sprachgefühl, schreibt Benninghoff-Lühl
eine Geschichte und eine Theorie des Zitats. Den Bogen durch die Geistesgeschichte
des Zitats schlägt sie mit Paul de Man, ihm folgend, sieht sie noch das reinste,
nackte Sprechen in metaphorische Netze eingebunden. "Eigentlich ist alles
Figuration, was man gewöhnlich Rede nennt" zitiert sie de Man, der seinerseits
Nietzsche zitiert - und sie zeigt mit ihrem Nachdenken über die Figürlichkeit
der Sprache, dass es in dieser Reflexion, wie de Man sagt, "weder Halt noch
Ziel" geben kann.
Ihre Untersuchung liest das sprachliche Gebilde "Zitat" als Figur.
Figuren verstehen sich als metaphorische
"Weisen der Übertragung von Ort zu Ort die Bedeutung im Zuge ihrer Apostrophierung
öffnen: Zitate sind Fensterchen anderer Texte, durch die diese ihre Winke
geben. Und gelegentlich zwinkern. Zitate sind, sofern Spielregeln des Zitierens
eingehalten werden, sichtbar; Zitate sind Augen im Text, mit denen ein Text auch
aus sich selbst heraus- und in andere Redeweisen hineinschauen kann. Zitate stehen
buchstäblich heraus: eingerückt, in Anführungszeichen, sind Zitate
"Kippfiguren des Lesens" (de Man), blinde Flecken, die eilige Leser gern
überspringen. Manchmal sind Zitate bloß blinde Fenster.
Die Geschichte der Zitate beginnt
mit ihren Nachweisen. Benninghoff-Lühl schreibt Aristoteles die erste genaue
Quellenangabe zu und macht auf den Doppelsinn des Wortes "Angabe" aufmerksam.
Das "Angeben (mit) einer Quelle", ohne den Quellentext überhaupt gelesen
zu haben, ist eine schon in der Antike verbreitete Unart. Hier werden die Zitate
zu Schwindlern. Wo sie sich nicht ausweisen, werden sie "kryptische Zitate"
genannt. Die Grenzen zum Diebstahl geistigen Eigentums verlaufen fließend.
Mancher Text hüpft
wie ein
Eichhörnchen - von
Duftmarke zu Duftmarke
Kryptische Zitate spielen mit
dem Leser gern Verstecken, sie gelangen überhaupt nur durch ihre Entdeckung
zur spezifischen Wirkung. Den Leser, der sie dechiffriert, belohnt der Stolz des
Entdeckergefühls. Mit der Zeit haben literarische Texte, die sich aus kryptischen
Zitaten zusammenschreiben, ein eigenes Genre ausgebildet. In der
Konstruktion von Texten übernehmen Zitate oft Scharnierfunktionen, sie erleichtern
Übergänge, treten an die Nahtstelle, wo ein Gedanke nicht mehr weiter
weiß. Es gibt auch Texte, die wie ein Eichhörnchen von Wipfel zu Wipfel,
von Zitat zu Zitat hüpfen - und sich so immer auf einer Höhe halten.
Zitate weisen Text und Autor aus,
sind Duftmarken, wie Hunde sie setzen. Texte dekorieren sich mit bekannten oder
weniger bekannten "Prunkzitaten" (Wackwitz), die zur Beschwörung
des Geistes (lat. citare u.a.beschwören) herhalten dürfen. Goethe zum
Beispiel geht immer. Gelegentlich kommt es auch zur Bildung von "Zitierkartellen".
Magisterarbeiten zitieren ihre Betreuer, Dissertationen ihre Doktorväter
oder -mütter, ExKommilitonen einander ein akademisches Leben lang. Zitate
können auch akademische Genealogien zeichnen. Dabei bleibt ein Zitat Sprache
aus zweiter Hand (Mattenklott). Der Text, in den sie eingelassen worden sind,
spricht, wie die Nymphe Echo im Mythos von Narziss, mit geliehener Stimme. Und
Zitate können, wie die Nymphe, in der Wiederholung die Bedeutung des
ursprünglich Gesagten verändern. Auch für Zitate gilt Paul de Mans
Rhetorik der Zeitlichkeit: die Figur des Zitats" ist die "Wiederholung
einer Vorgabe, von der sie abweicht, weil Zeit im Zuge der Wiederholung verstrichen
ist und der Raum sich verändert hat".
In Zitaten sprechen auch die Toten
weiter. Benninghoff-Lühls Buch ist eine große, faszinierende, gut geschriebene
Sammlung, in der das Zitat zuletzt auch einmal in einer Stierkampfarena auftreten
darf. So erfährt der Leser, dass in der Sprache des Stierkampfes das deutliche
Auftreten mit dem Stiefelabsatz, das den Stier noch ein klein wenig mehr
provozieren soll, spanisch citar heißt. Die Geste des großen
Zitats ist dieser ähnlich. die Anführungszeichen unten markieren den
Sohlenabdruck im Sand. Und welcher Autor wünscht sich nicht die sprachlich
elegant umtänzelte Gewalt eines schnaubenden Stieres in seinen Text hinein?
Zu oft nur, leider, verlaufen
sich die Beschwörungsversuche im Absatzklappern einiger abgetretener Zitate.
D A V I D W A G N E R
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